Ände­rungs­be­fug­nis des Bauträgers

 
Stich­wor­te
Prü­fung Bau­trä­ger­ver­trag, Ände­rungs­be­fug­nis, Ände­rungs­voll­macht, Änderungsbeschränkungen

Bun­des­ge­richts­hof
Urteil v. 23.01.2026 – 21 U 156/23

Kurz­fas­sung

Leit­satz

1. BGB § 308 Nr. 4; WEG § 8 Abs. 1
Eine Klau­sel in den All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen eines Bau­trä­ger­ver­trags, die einen Ver­brau­cher als Erwer­ber ver­pflich­tet, nach­träg­li­chen Ände­run­gen der Tei­lungs­er­klä­rung durch den Ver­wen­der zuzu­stim­men, ist unwirk­sam, wenn sie nicht erken­nen lässt, dass eine Zustim­mung nur bei Vor­lie­gen im Ein­zel­nen benann­ter trif­ti­ger Grün­de ver­langt wer­den kann (im Anschluss an BGH, Urteil vom 23. Juni 2005 – VII ZR 200/04, NJW 2005, 3420, 3421).

Ent­schei­dungs­grün­de

c) Aus § 308 Nr. 4 BGB ergibt sich die Unwirk­sam­keit der in § 12.1.1 des Bau­trä­ger­ver­trags gere­gel­ten Mit­wir­kungs­ver­pflich­tung der Käu­fer. Eine Klau­sel in den All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen eines Bau­trä­ger­ver­trags, die einen Ver­brau­cher als Erwer­ber ver­pflich­tet, nach­träg­li­chen Ände­run­gen der Tei­lungs­er­klä­rung durch den Ver­wen­der zuzu­stim­men, ist unwirk­sam, wenn sie nicht erken­nen lässt, dass eine Zustim­mung nur bei Vor­lie­gen im Ein­zel­nen benann­ter trif­ti­ger Grün­de ver­langt wer­den kann.

aa) Vor dem Hin­ter­grund, dass es bei Bau­vor­ha­ben häu­fig not­wen­dig oder zweck­mä­ßig ist, die ursprüng­li­che Pla­nung zu modi­fi­zie­ren, besteht ein prak­ti­sches Bedürf­nis, es dem tei­len­den Eigen­tü­mer zu ermög­li­chen, die Tei­lungs­er­klä­rung zu ändern. Nach der Recht­spre­chung des Senats ist es daher im Grund­satz nicht zu bean­stan­den, wenn die Erwer­ber ihm in den Erwerbs­ver­trä­gen eine Voll­macht zur Ände­rung der Tei­lungs­er­klä­rung ertei­len. Im Außen­ver­hält­nis darf sie, damit sie im Grund­buch­ver­kehr ver­wend­bar ist, unbe­schränkt erteilt wer­den (vgl. Senat, Beschluss vom 19. Sep­tem­ber 2019 – V ZB 119/18, NJW 2020, 610 Rn. 28). Was die Beschrän­kun­gen im Innen­ver­hält­nis angeht, unter­liegt die Voll­macht aber einer Klau­sel­kon­trol­le nach § 308 Nr. 4 BGB, wenn es sich um All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen han­delt (vgl. Senat, Beschluss vom 19. Sep­tem­ber 2019 – V ZB 119/18, aaO Rn. 27). Eine wei­te­re Mög­lich­keit zur Siche­rung des Ände­rungs­in­ter­es­ses des tei­len­den Eigen­tü­mers besteht dar­in, dass die Erwer­ber sich in den Erwerbs­ver­trä­gen ver­pflich­ten, einer von dem Bau­trä­ger gewünsch­ten Ände­rung der Tei­lungs­er­klä­rung zuzu­stim­men. Eine sol­che – wie hier – for­mu­lar­mä­ßig ein­ge­gan­ge­ne Ver­pflich­tung ist eben­falls an § 308 Nr. 4 BGB zu mes­sen (vgl. oben Rn. 15). Dabei gel­ten die zur Klau­sel­kon­trol­le der Voll­macht ent­wi­ckel­ten Grund­sät­ze auch für die Inhalts­kon­trol­le einer in All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen ver­ein­bar­ten Ver­pflich­tung des Erwer­bers zur Zustim­mung zu einer Ände­rung der Tei­lungs­er­klä­rung. Bei­de recht­li­chen Gestal­tungs­ar­ten sol­len dem Bau­trä­ger im Nach­hin­ein eine eigen­mäch­ti­ge Ände­rung der Tei­lungs­er­klä­rung ermöglichen.
bb) § 308 Nr. 4 BGB stellt für die mög­li­che Recht­fer­ti­gung eines Leis­tungs­än­de­rungs­rechts dar­auf ab, ob die­ses unter Berück­sich­ti­gung der Inter­es­sen des Ver­wen­ders für den ande­ren Ver­trags­teil zumut­bar ist. Damit ver­langt die Norm eine Abwä­gung zwi­schen den Inter­es­sen des Klau­sel­ver­wen­ders an einer Ände­rung sei­ner Leis­tung und denen des ande­ren Ver­trags­teils an der Unver­än­der­lich­keit der ver­ein­bar­ten Leis­tung des Verwenders

(1) Geklärt ist in der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung, dass die Zumut­bar­keit einer Leis­tungs­än­de­rungs­klau­sel dann zu beja­hen ist, wenn die Inter­es­sen des Ver­wen­ders die für das jewei­li­ge Geschäft typi­schen Inter­es­sen des ande­ren Ver­trags­teils über­wie­gen oder ihnen zumin­dest gleich­wer­tig sind (vgl. BGH, Urteil vom 15. Novem­ber 2007 – III ZR 247/06, NJW 2008, 360 Rn. 21; Urteil vom 21. Sep­tem­ber 2005 – VIII ZR 284/04, NJW 2005, 3567, 3569 [juris Rn. 17]; Urteil vom 17. Febru­ar 2004 – XI ZR 140/03, BGHZ 158, 149, 154 f. [juris Rn. 19]). Daher setzt die Ver­ein­bar­keit mit § 308 Nr. 4 BGB eine sol­che Fas­sung der Abän­de­rungs­klau­sel vor­aus, nach der für den ande­ren Ver­trags­teil zumin­dest ein gewis­ses Maß an Kal­ku­lier­bar­keit der mög­li­chen Leis­tungs­än­de­rung besteht. Im All­ge­mei­nen ist dies zu beja­hen, wenn für die Ände­rung ein trif­ti­ger Grund vor­liegt. Die Klau­sel muss die trif­ti­gen Grün­de benen­nen und in ihren Vor­aus­set­zun­gen erkenn­bar die Inter­es­sen des Ver­trags­part­ners ange­mes­sen berück­sich­ti­gen (vgl. BGH, Urteil vom 21. Okto­ber 2025 – X ZR 39/25, Reis­eRFG 2025, 293 Rn. 76 zu geneh­mi­gungs­pflich­ti­gen Ent­gelt­be­din­gun­gen im Sin­ne von § 12 Abs. 1 Satz 2, Abs. 3 AEG; Urteil vom 15. Novem­ber 2007 – III ZR 247/06, NJW 2008, 360 Rn. 21 zur Inhalts­kon­trol­le von All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen im Pay-TV-Abon­ne­ment; Urteil vom 21. Sep­tem­ber 2005 – VIII ZR 284/04, NJW 2005, 3567, 3569 [juris Rn. 17] zu All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen eines Ver­sand­han­dels­un­ter­neh­mens; Urteil vom 12. Janu­ar 1994 – VIII ZR 165/92, BGHZ 124, 351, 362 [juris Rn. 55] zur Zuläs­sig­keit von For­mu­lar­be­stim­mun­gen in einem Ver­trags­händ­ler­ver­trag der Kraft­fahr­zeug-Bran­che; Urteil vom 20. Janu­ar 1983 – VII ZR 105/81, BGHZ 86, 284, 295 [juris Rn. 31] zur Unwirk­sam­keit all­ge­mei­ner Flug­be­för­de­rungs­be­din­gun­gen eines Luft­fahrt­un­ter­neh­mens). Das gilt ins­be­son­de­re auch für Abwei­chungs­vor­be­hal­te in Bau­trä­ger­ver­trä­gen bezüg­lich Bau­aus­füh­rung und Mate­ri­al­wahl (vgl. BGH, Urteil vom 23. Juni 2005 – VII ZR 200/04, NJW 2005, 3420, 3421 [juris Rn. 18]) ...

(a) Indem § 308 Nr. 4 BGB vor­sieht, dass der Ände­rungs­vor­be­halt unter Berück­sich­ti­gung der Inter­es­sen des Ver­wen­ders für den ande­ren Ver­trags­teil zumut­bar sein muss, wird das Maß des Zumut­ba­ren in ein Abhän­gig­keits­ver­hält­nis zu den Grün­den gestellt, aus denen der Ver­wen­der eine nach­träg­li­che Ände­rung erstrebt. Auch der – aller­dings nur als Hin­weis die­nen­de (vgl. Art. 3 Abs. 3 RL 93/13/EWG) – Anhang der Richt­li­nie 93/13/EWG des Rates vom 5. April 1993 über miss­bräuch­li­che Klau­seln in Ver­brau­cher­ver­trä­gen nennt in Nr. 1 lit. k bei­spiel­haft eine Klau­sel als miss­bräuch­lich, die es ermög­licht, dass Gewer­be­trei­ben­de die Merk­ma­le eines zu lie­fern­den Erzeug­nis­ses oder einer zu erbrin­gen­den Dienst­leis­tung ein­sei­tig ohne trif­ti­gen Grund ändern. Daher hält es der Bun­des­ge­richts­hof für unver­zicht­bar, dass ein for­mu­lar­mä­ßi­ger Abwei­chungs­vor­be­halt im Bau­trä­ger­ver­trag bezüg­lich Bau­aus­füh­rung und Mate­ri­al­wahl den Ver­wen­der nur bei Vor­lie­gen im Ein­zel­nen benann­ter trif­ti­ger Grün­de zu Ände­run­gen berech­tigt (vgl. BGH, Urteil vom 23. Juni 2005 – VII ZR 200/04, NJW 2005, 3420, 3421 [juris Rn. 18]). Beson­der­hei­ten, die es dem­ge­gen­über recht­fer­ti­gen könn­ten, auf die Ände­rung von Tei­lungs­er­klä­run­gen bezo­ge­ne Klau­seln in Bau­trä­ger­ver­trä­gen von die­ser Anfor­de­rung aus­zu­neh­men, bestehen nicht, da in bei­den Fäl­len das von § 308 Nr. 4 BGB geschütz­te Äqui­va­lenz­in­ter­es­se zwi­schen den bei­der­sei­ti­gen Leis­tun­gen betrof­fen ist. Im Hin­blick dar­auf muss der Erwer­ber nicht hin­neh­men, dass der Ver­wen­der Ände­run­gen der Tei­lungs­er­klä­rung nur des­halb vor­nimmt, um sich selbst auf Kos­ten sei­nes Ver­trags­part­ners bes­ser zu stel­len (vgl. BGH, Urteil vom 11. Okto­ber 2007 – III ZR 63/07, NJW-RR 2008, 134 Rn. 11; Urteil vom 30. Juni 2009 – XI ZR 364/08, NJW-RR 2009, 1641 Rn. 26; Urteil vom 11. März 1987 – VIII ZR 203/86, NJW 1987, 1886 [juris Rn. 15] – noch zu § 10 Nr. 1 AGBG).

(b) Als trif­ti­ge Grün­de, die Anlass für eine nach­träg­li­che Ände­rung der Tei­lungs­er­klä­rung sein kön­nen, kom­men bei­spiels­wei­se in Betracht die Erfor­der­lich­keit oder Zweck­dien­lich­keit für die Erfül­lung behörd­li­cher Auf­la­gen, die Erschlie­ßungs­si­che­rung, die Besei­ti­gung von Pla­nungs­män­geln und die Erfül­lung von Son­der­wün­schen ande­rer Erwer­ber (vgl. Basty, Der Bau­trä­ger­ver­trag, 11. Aufl., 2023, Kap. 2 Rn. 18; Grzi­wotz, ZfIR 2025, 354, 355). Benennt die Klau­sel die trif­ti­gen Grün­de hin­rei­chend klar, hält sie der Klau­sel­kon­trol­le stand. Andern­falls ist sie ins­ge­samt, also auch im Außen­ver­hält­nis (dazu oben Rn. 17) unwirk­sam. Unab­hän­gig davon müs­sen die trif­ti­gen Grün­de auch tat­säch­lich vor­lie­gen, und die ein­sei­ti­ge Leis­tungs­än­de­rung muss sich bei Abwä­gung der bei­der­sei­ti­gen Inter­es­sen für den Erwer­ber als zumut­bar erweisen ...

(Den voll­stän­di­gen Text der Ent­schei­dung fin­den Sie hier)

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